Heidnische Traditionen und Bräuche: Der Lebenskreis

Die Geburt, die Aufnahme in den Kreis der Erwachsenen, die Hochzeit und der Tod waren die Meilensteine des Lebens die traditionell im Lebenskreis zusammengefasst wurden und von allerlei Bräuchen begleitet waren.
junger Eichenbaum

Eine junge Eiche, vielleicht eine neue Irminsul? Wikipedia: Die Irminsul war ein frühmittelalterliches Heiligtum der Sachsen, das nach den Einträgen fränkischer Annalen zum Jahr 772 auf Veranlassung Karls des Großen von den Franken zerstört wurde. Der Name kann etymologisch auf irmin- = groß und sul = Säule zurückgeführt werden, bezeichnet also eine Große Säule.

Vorbemerkung: Die großen Ähnlichkeiten mit kirchlichen Riten gründen darin, dass die Kirche viele (mitteleuropäisch-) heidnische Traditionen übernommen hat, weil sich der Glauben an die heidnische Naturreligion und deren Anhänger auch mit größter Brutalität einfach nicht gänzlich ausrotten liesen. Die Sachsen haben übrigens in unseren Landen am längsten Stand gehalten, da halfen auch die Sachsenkriege von Karl dem Sachsenschlächter (auch Karl der Große genannt) nicht viel und wie man wahrnehmen kann, lebt das Heidentum nicht nur noch immer, sondern es erlebt schon seit einiger Zeit geradezu eine Renaissance, wenn auch in zahlreichen verschiedenen Aspekten. Wenn man heute verschiedene Bräuche rekonstruieren will, ist man auf relativ wenige Quellen verschiedener Völker angewiesen und deren bruchstückhafte Überlieferungen und mitunter auch deren modernere Interpretation.

Geburt (Ausa vatni oder Wasserweihe)

Entbunden wurde natürlich zu Hause mit „Hebammen“, die sich damals aus erfahrener weiblicher nachbarschaftlicher Hilfe (die Sippe, damals mehr oder weniger gleichbedeutend mit Dorf) zusammensetzte. Neben der Geburt selbst war die Wasserweihe oder Namensgebung der eigentlich wichtige Wegpunkt, denn am zehnten Tag nach der Geburt wurde dem neugeborenen Kind sein Name gegeben. Dabei waren mindestens zwei Zeugen zugegen und es lief wohl in etwa wie folgt ab:

Zuerst hielt man gemeinsam eine Andacht ab, vielleicht in Form einer Danksagung und dann wurde das Kind von der Mutter auf die Erde gelegt und vom Vater auf und in die Luft gehoben, was als Zeichen dafür galt, das er das Kind an und in die Familie aufnahm. Denn es bestand auch das Recht, das Kind nicht anzunehmen, bspw. wenn es schwächlich oder behindert war. Um es nicht töten zu müssen, setzte man solche Kinder meist aus. Nicht alles ist also nachahmenswert; wie man sieht. Andererseits heißt es, sobald ein Tropfen Milch über die Lippen des Kindes kam, war zumindest sein Leben in dieser HInsicht gesichert.

Nachdem der Vater also das Kind in die Luft gehoben hatte, setzte er es auf seine Knie. Dann wurde es mit heiligem Wasser besprenkelt, welches in der Nacht der Frühlingsgleiche, welche heute den Frühlingsbeginn markiert, in der Natur an Quellen oder Bächen geschöpft wurde. Anschließend wurde der Spruch der Namensgebung gesprochen, d. h. „Ich gebe Dir den Namen..." bspw. Teutobald (der Kühne aus dem Volke) oder Godelind (die unter dem Schutz der Götter stehende :) und dann gab der Vater das Kind der am Ofen/Feuer sitzenden Frau.

Ein wohl eher weniger heidnischer, aber dennoch schöner Brauch, wie ich finde, war der eines Geburtsbaumes, meist für Knaben Äpfel- und für Mädchen Nuss- bzw. Birnbäume. Es soll wohl öfters vorgekommen sein, dass so ein Baum, wenn der zugehörige Mensch bspw. fernab in einer Schlacht starb, auch einging. Der Pflanzzeitpunkt war der Geburts- oder der Tag der Namensgebung. Zudem diente die ersten sechs Wochen das Badewasser des Kindes dem Geburtsbaum als Nahrung. Darüber hinaus gab es auch einen Familienbaum, der auch Platz der gemeinschaftlichen Abendandacht war und einen Dorfbaum (Sippenbaum), meist eine Linde.

Die Kinder wuchsen in der Regel mehr oder weniger nackt auf und der alljährliche Geburtstag (Faedingardagr) galt vor allem dem Dank für das abgelaufene Jahr.

Einweihung (Innvigsla)

Mit sieben Jahren, wenn ich das richtig in Erinnerung habe, ging im Altertum der Knabe über von der Mutter zum Vater, d. h. es begann der erste Unterricht, wenn man so will. Alles was man wusste, wusste man vor allen vom Vater, als Junge, bei den Mädchen war es wohl eher die Mutter. So war es ja lange auch mit den Berufen, d. h. der Sohn des Schmiedes wurde Schmied, im übrigen duch Jahrhunderte einer der geachtesten Berufe und wer die Wichtigkeit von Werkzeugen und (damals leider auch) Waffen erkennt bzw. die unvorstellbare Knochenarbeit die dahinter steht, weiß auch, warum dies so war. Als Erwachsen galt man aber erst nach der Einweihung, die im 21. Lebensjahr stattfand, die Aufnahme in den Kreis der Erwachsenen.

Ab diesen Zeitpunkt durften sich die Jünglinge auch einen Bart stehen lassen, denn nun sind sie zu Männern geworden und sie erhielten ihre Waffen, also bspw. bei den Sachsen wohl Schild und Kurzschwert, die Sax, nach der sie angeblich auch ihren Namen erhielten. Die Lakedaimonier (Spartaner) hatten ähnliche Kurzschwerter und wenn man sie fragte, warum sie ein so kurzes Schwert haben, antworteten sie, damit sie näher am Feind sind, so in etwa. Lykurgs Gesetzgebung und die Spartaner ist kein uninteressantes Thema, einfach hatten die es nicht. Die verzichteten bspw. (nach Plutarch) auf Stadtmauern, weil sie das für "weibisch" und feige hielten.

Verlobung (Trúlofun)

Richtige Männer waren sie aber erst, nachdem sie eine Familie gegründet hatten. Vor dem 20. Lebensjahr fand zwischen den Geschlechtern kein "Umgang" statt, dass wäre als eine große Schande gewertet worden.

Zur Verlobung handelte der Anwärter mit dem Brautvater die Mitgift aus, die (ungewöhnlich, aber so war es wohl) vom Ehemann eingebracht wurde. Das aber nicht zum Schmucke der Frau, sondern diese Migift musste natürlich nützlich sein. Und was die Frau als Mitgift empfing, sollte sie würdig und heil ihren Söhnen hinterlassen, dass sie es so wiederum an die Schwiegertöchter und diese weiterhin an die Enkel geben können etc. Waren sich Vater und Anwärter einig und nahm die Jungfrau ein vom Zukünftigen überreichtes Tuch an, so stimmte sie zu. Nun wurde mit einem Handschlag zwischen Vater und zukünftigen Schwiegersohn die Verlobung besiegelt und er durfte die Jungfrau küssen.

Hochzeit (Brullaup)

Bei Hochzeit liegt die Betonung im Grunde auf hoch, denn es war die Hoch-Zeit des Lebens. Am Tag der Hochzeit zog die Frau beim Manne ein. Sie fuhr mit ihrer Familie und ihrem Hab und Gut und ihrem Anhang auf einem Wagen zum Haus des Mannes. Dort angekommen küsste die sie Schwelle, und der Mann trugt sie darüber ins Haus. Das Haus war geschmückt bspw. mit Wachholder und die Brautleute saßen auf der Brautbank.

Der Vater der Braut führt die Hochzeits-Zeremonie mindestens im Beisein von zwei Brautzeugen durch. Die Zeremonie war in etwa wie folgt:

Zuerst musste dem Rechtsbrauch folge geleistet werden, zu fragen, ob jemand Einwände gegen die Verbindung hat. Dann wurde die Brautweihe vollzogen, in dem man wiederum mit dem heiligen Wasser, welches zur Frühlingsgleiche gesammelt wurde, die Braut geweiht oder besprenkelt wurde. Anschließend wurde das Treuegelöbnis vollzogen, d. h. der linke Arm und das linke Bein der Frau wurden mit dem rechten Arm und dem rechten Bein des Mannes mit Getreideähren verbunden. Dann gaben sich beide gegenseitig das Treueversprechen. Wurde es geborchen, wurde man mit Schimpf und Schande aus dem Dorf gejagt und damit aus der Sippe verstoßen und ohne Familie in diesen Zeiten, war das Leben nicht wirklich ein Leben.

Der Brautvater fragte, ob sie ihn und er sie zu Frau bzw. Mann nehmen möchte und beide geben sich also so das Ja-Wort. Dann legt die Braut ihre Hand in die des Bräutigams und der der Tausch der Ringe folgte. Der Mann steckt ihn der Frau an und sagt: „hiermit nehme ich dich zu meiner Frau“ und sie steckt daraufhin ihn den Ring an und lässt verlauten: „hiermit  nehme ich Dich zu meinem Mann“, so oder so ähnlich war es wohl.

Anschließend wurde vom Vater die Weihezeremonie vollzogen, während der der Vater auch hob den Hammer und einen Weihe oder Segnung sprach und schlug dann mit dem Hammer auf den Tisch. Dem Paar wurde daraufhin ein Trinkhorn gereicht (tugendhaft wie sie waren natürlich mit Milch oder Wasser ;), welches sie leeren mussten und erst danach wurden die Fesseln gelöst.

Es folgte sodann die Hausübergabe (Húsvidtaka) an die Braut:

Der Vater des Bräutigams gab der Braut den Besen in die Hand und die Braut fegte symbolisch ein wenig, d. h. er übergab ihr symbolisch das Haus, dann nahm die Mutter des Bräutigams sie bei der Hand und führte sie um den Herd, d. h. sie übergab ihr den Herd und auch den Schlüssel zum Haus und alles in Allen übergaben ihr die Schwiegerelten also Haus und Herd.  Es fand nun das Hochzeitsmahl statt und die Brautleute tanzen zudem einen Ehrentanz.

Es sei am Rande bemerkt, da ich es für eine wundervolle Geste der Nächstneliebe halte, dass bei großen Festen noch bis ins späte Mittelalter immer auch die Ärmsten bedacht wurden, d. h. man brachte bspw. ein Brot oder ähnliches zur  ärmsten Familie des Dorfes.

Später am Abend wurde die Braut von den Jungfrauen nach draußen geholt und sie setzte nun derjenigen, die nach Meinung der Braut als nächstes heiraten wird, den Brautkranz auf. Der Brautkranz war ein Blumenkranz, der das Haupt der Jungfrau zur Hochzeit schmückte. Es folgte auch eine feierliche Bettbesteigung, d. h. die Brautleute bestiegen bei Licht und mindestens vor den beiden Brautzeugen das Bett, legen sich unter die Decke und küssten sich und damit war die Ehe symbolisch und rechtlich vollzogen.

Am Morgen nach der Hochzeitsnacht erhielt die Braut vom Bräutigam ein Geschenk, genannt die Morgengabe.

Die Scheidung (Hjónaskilnadr), auch das soll es ja gegeben haben, konnte jederzeit bei Vorlage eines besonderen Grundes vor zwei Zeugen (am Bettpfosten und am Türpfosten) von der Frau oder dem Manne ausgesprochen werden. Im Zweifel ob der Grund für eine Scheidung hinreichend ist, entschied der Dorfälteste. Der Besitz wurde sodann möglichst gerecht geteilt.

Beerdigung (Greftrun)

Das geht hier alles sehr schnell, nach der Hocheizt fügen sich natürlich noch viele Geburten und ein glückliches und langes gemeinsames Leben ein, aber auch das Schönste geht einmal zu Ende und auch wenn für tugendhafte Menschen der irdische Tod "nur" die Geburt in das geistige Leben ist, so steht doch die Trauer im Mittelpunkt, die Trauer, um einen geliebten Menschen, der uns verlassen hat und den man erst nach dem eigenen körperlichen Ableben "auf der anderen Seite" wiedersehen wird, so wie es ja uach weltweit bei Nahtoderfahrungen berichtet wird.

Dem Toten wurden die Augen und der Mund geschlossen, was der Älteste im Haus tat. Zudem wurden die Fenster geöffnet, um der Seele ein leichtes entschwinden in die himmlischen Regionen zu ermöglichen. Der Tod musste nicht nur den Nachbarn, sondern wohl auch dem Familienbaum angesagt werden (so ziemlich alles musste den Nachbarn angesagt werden, was wohl aus der Tatsache herstammte, dass es Zeiten gab, wo das Dorf einfach die erweiterte Familie oder Sippe war, d.h. alle leiteten sich von einem gemeinsamen Vorfahren ab).

Er wurde zurechtgemacht, d.h. vollständig angezogen (bei den Griechen auch mit Blumenkranz für den Kopf) und für mindestens drei Tage aufgebahrt. Während dieser Zeit wurden Feierlichkeiten zu Ehren des Toten abgehalten, während der man bspw. seine Taten besang. Erst nach dem abschließenden Totenfeuer oder Leichenbrand, fand das eigentliche Totenmahl bzw. die Erbergreifung begleitet vom Erbtrunk statt (bei den antiken Griechen erst am 30. Tag, der zugleich auch das Ende der Trauerzeit markierte).

Und es sei angemerkt, dass es nicht wie heute normal sondern undenkbar war bzw. man sich etwas geschämt hätte, wenn ein Fremder, d. h. ein Nicht-Familienmitgleid die Totenrede gehalten hätte.

Die offene Trauer stand den Frauen, wie man sagte, den Männern aber: stilles Gedenken. In einigen Kulturen war für bestimmte Grade der Verwandtschaft eine bestimmte Zeit der Trauer festgelegt. Was nun noch blieb, war neben der Vorfreude auf ein Wiedersehen, der Nachrum für den Toten und die traditionelle Ahnenverehrung. Man erzählte sich seine Geschichten, kühnen Taten und Ansichten im Rahmen der Familientraditionen am Feuer den Kindern oder Enkeln, auf das sie es einst an ihre Kinder bzw. Enkel weitergeben.

Soweit der zweite Teil der Serie zu den Traditionen unserer heidnischen Vorfahren. Im dritten Teil geht es dann um den Jahreskreis.

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