Heidnische Traditionen und Bräuche: Der Jahreskreis

Unsere heidnischen Vorfahren teilten das Jahr im Grunde nur in Sommer und Winter ein, wie es heißt, sie hatten jedoch einige markante Punkte im Jahr, die ausgehend von jährlich wiederkehrenden astronomischen Ereignissen den feierlichen (nordischen) Jahreskreis bildeten, der von allerlei Bräuchen begleitet war.
Eine junge Eiche

Eine junge Eiche, vielleicht eine neue Irminsul? Wikipedia: Die Königseiche ist ein Naturdenkmal am Ortsausgang von Volkenroda im Thüringen. Die Stieleiche ist mehr als 600 Jahre alt, hat einen Stammumfang von etwa 9,5 m und ist 23 m hoch bei einem Kronendurchmesser von etwa 16 m. In Ivenack (Mecklenburg-Vorpommern) steht eine 35 m hohe Eiche und in Jægerspris Dänemark eine, die an die 2.000 Jahre alt ist.

Die Feste im Jahr wurden immer im Bezug zur Natur gefeiert und stand im speziellen im Zeichen der Sonne (Sonnengott) und der Natur- oder Erdgöttin bzw. mehr theosophisch gesprochen, den Sinnbildern von Vater (Sonne oder Feuer = Geist) und Mutter (Mond (Oder auch Erde bzw.) Wasser = Materie). Es gab acht Feste an der Zahl, die sich über das ganze Jahr erstreckten. Die unterstrichenen Feste sind die Sonnenfeste, da sie sich nach der Sonne bzw. den astronomischen Sonnenstand richten und die übrigen sind die Mondfeste, die vom Zeitpunkt der Sonnenfeste bzw. dem Mond abhängen. Das Wort BLÓT steht für das altnordische Opfer und leitet sich wohl aus dem Gotischen ab. Das Menschenopfer dargebracht waren halte ich für unwahrscheinlich und ist selbst unter Historikern umstritten. Es findet sich im folgenden eine Zusammenfassung verschiedener altnordischer Traditionen, die wie bereits angedeutet hinsichtlich Zeit und Ort eine Mischung verschiedener Traditionen sind,

FRØBLÓT  (norwegisch Dísablót) im Januar oder Februar

Findet statt am 1. Vollmond nach dem 1. Neumond nach Ende der 12 Tage des JÓLABLÓT oder Julfestes. Es wird ein Feuer auf einen Berg entzündet, was uns im Jahreskreis noch öfters begegnen wird und zudem wurden mit Stroh ausgestopfte brennenden Holzräder oder -scheiben den  Berg hinuntergerollt (ich sage hier mal rein vorsichtshalber für die großen Kinder: "Bitte nicht nachmachen!"). Traditionell ging es dabei um die Erweckung der Fruchtbarkeit der Mutter Erde bzw. um das Vertreiben der wachstumsfeindlichen Wintergeister. Dafür wurden wohl auch die Felder mit Fackeln umlaufen. Es wurden aber auch die Disen geehrt, die Schicksalfrauen der nordischen Mythologie. Mitunter liest man auch von einem zweiten "Disenfest" später im Jahr und davon, das zu diesem Fest ersten Fest des Jahres auch die Ahnen geehrt wurden.

VÁRBLÓT zur Frühlingsgleiche (Frühlingsäquinoktium) um den 21. März

Es geht also um den Tag (bzw. die vorhergehende Nacht) der Tag- und Nachtgleiche in der ersten Hälfte des Jahres, die so genannte Frühlingsgleiche, welche meist auf den 20. oder 21. März fällt (bis 2022 auf den 20.) und heute auch für den Frühlingsanfang steht. An diesem Tag sind Tag und Nacht gleich lang, wobei in dieser Phase des Jahres die Tage länger und die Nächte kürzer werden. Damals galt dies als Sommeranfang, da man nur in Winter und Sommer unterschied. An diesem Tag wird auch der endgültige Sieg der Sonnengötter über die Winterriesen gefeiert und nach der Erweckung der Mutter Erde durch die Sonne deren Vereinigung, aus der neun Monate später (Julfest) das Kind des neuen Jahres entsteht oder anders gesagt die Wiedergeburt des Sonnengottes. Deshalb wurde von der Kirche auch der Geburtstag von Jesus auf Weihnachten gelegt. Man liest oft, das Fest sei der Frühlings-Göttin Ostara gewidmet, was sehr umstritten ist, da die (isländische wenn ich mich recht erinnere) Göttin Eostrae, zu Ostara wurde, weil sie von den Gebr. Grimm in ihrem Werk „Deutsche Mythologie“ (1835) vom angelsächs. Monatsnamen Eosturmonath mittels des althochdeutschen Monatsnamen Ostarmanoth philologisch abgeleitet wurde, jedoch ohne weitere historische Belege. In dieser Nacht schöpften Jungfrauen vor Sonnenaufgang Wasser aus Quellen, welches als Heilwasser das ganze Jahr über aufbewahrt wurde und bspw. bei der heidnischen Wassertaufe zum Einsatz kam. Man legte dafür Frühlingsblumen oder Kränze an der Quelle oder den Brunnen nieder oder schmückte sie. Zudem versammelten sich am Morgen die Menschen an einen exponierten Ort, um gemeinsam im Osten die Sonne aufgehen zu sehen.

SIGRBLÓT im April oder Mai

Es wird am 2. Neumond nach Ende des VÁRBLÓT gefeiert, hier sind die Wurzeln norwegisch. Einige feiern dabei die Hochzeit des Sonnengottes mit der Erdgöttin, aber wenn der Sonnengott nach neun Monaten zum Julfest wiedergeboren wird, dann müsste die Vereingung ja bereits im März zum VÁRBLÓT geschehen sein. Vorehelicher Geschlechtverkehr wäre aber ganz und gar nicht den Sitten unserer Vorfahren entsprechend. Es wurde der Maibaum (mehr spätere und deutsche Wurzeln) aufgestellt, eine bis auf die Spitze entästete Birke mit wenigstens einen oft auch drei Kränzen, die auch mit Bändern verziert wurden. Sie wurde bereits am Vortage feierlich eingeholt und aufgestellt und ist auch ein Symbol des Weltenbaumes, der eine Vielzahl von Bedeutungen hat und in fast jeder Religion gefunden werden kann. Zwischen den jungen Burschen fanden zu dieser Zeit Wettkämpfe statt, wobei dem Sieger eine besondre Ehre zuteil wurde (bei den antiken Griechen tat es oft ein Lorbeer-Kranz) und abends wurde zudem auf einem Berg ein Feuer entzündet und man sang und tanzte um das Feuer. Ich meine auch gelesen zu haben, das an einem Fest Bäume geschmückt wurden und das müsste ja wenn dann dieses oder das zur Frühlingsgleiche gewesen sein.

MIĐSOMMERBLÓT zur Sommersonnenwende im Juni

Die Sonnenwende oder Sommermitte fällt meist auf den 20. oder 21. Juni (bis 2022 auf den 21. außer 2020 auf den 20). Dieser Tag hat die kürzeste Nacht und den längsten Tag und ab diesem Tag werden die Tage wieder kürzer und die Nächte länger. Gefeiert wurde dieses Fest drei Tage lang (manche sagen wegen enstehen, werden und vergehen, theosophisch macht eine Dreiheit auch Sinn für Vater, Mutter und Sohn oder Geist, Seele und Gemüt). Es wurde auf einem Platz ein Feuer entzündet oder an einem anderen wichtigen Ort und ein Questenkranz (Weltenkreuz) an einen Baum gegen Osten hin aufgehängt, meist handelte es sich um eine Alte Eiche, die auch Mitsommerbaum genannt wurde. Außerdem wurden Brunnen und Quellen geschmückt und das traditionelle Mitsommerbad genommen. Zudem fand traditionell das Althing statt, die Haupt- oder Jahresversammlung der freien Männer (die Wurzeln sind hier wohl isländisch). Das Thing war die Volks- und Gerichtsversammlung nach altem germanischen Recht, die mehrmals im Jahr stattfand.

HORMEITIĐBLÓT  im Juli oder August

Dies war der traditionelle Beginn der Erntezeit, mitunter auch Leinernte genannt, die mit der Kräuterernte begann und das am 2. Vollmond nach Ende des MIĐSOMMERBLÓT.

HAUSTBLÓT zur Herbstgleiche (Herbstäquinoktium) um den 22. September

Es handelt sich hierbei um die Tag und Nachtgleiche in der zweiten Hälfte des Jahres, die so genannte Herbstsgleiche, welche meist auf den 22. oder 23. September fällt und auch für den Herbstsanfang steht (2014, 15, 18, 19 und 22 am 23.09. und 2016, 17, 20 und 21 am 22.09.) An diesem Tag sind Tag und Nacht gleich lang, wobei in dieser Jahreshälfte die Tage kürzer und die Nächte länger werden. Zugleich galt dieses Fest oder das nächste als der Tod des Sonnengottes, der nun sozusagen die Ernte seines Lebens einfuhr.  Denn es war traditionell das Erntedankfest und das dauerte wie das Mitsommerfest drei Tage. Es wurden Erntekränze aus den letzten Ähren (einige blieben jedoch immer für „die Alte“ stehen, sowie auch immer ein paar letzte Äpfel bspw. für Wotan am Baum blieben etc.) der Felder geflochten, die man sich bis zum nächsten Erntedankfest in die Stube hing.

VETRNÓTTABLÓT im Oktober oder November

Dieses Fest wurde am 2. Neumond nach dem Erntedankfest gefeiert und fällt meist in den Oktober bzw. November. Traditionell wurde das Sommerende bzw. der Winteranfang gefeiert, wie gesagt kannte man nur diese zwei Jahreszeiten. Wieder wurde am Abend auf einem Berg ein Feuer entzündet. Es sei hier am Rande im Zusammenhang mit der Ernte die wie ich finde schöne Tradition erwähnt, dass immer das Erste an die Ärmsten ging, also bspw. die ersten Äpfel von einem Apfelbaum oder die erste Milch einer Kuh etc. ging immer an die Ärmsten oder die ärmste Familie im Dorf.

JÓLABLÓT Wintersonnenwende um den 21. Dezember

Das Jahr endete mit der Wintersonnenwende am 21. oder 22.12. (2014 und 19 am 22. sonst bis einschl. 2022 am 21.12.). Dieser Tag hat die längste Nacht und den kürzesten Tag und anschließend werden die Nächte wieder kürzer und die Tage länger. Das neue Jahr begann erst am 02.01., d. h. 12 Nächte nach dem Zeitpunkt der Wintersonnenwende, genauer also mit der Nacht vom 01. zum 02.01. Der Tag der Wintersonnenwende galt gleichzeitig als Tag der Wiedergeburt des Sonnengottes. Und bei den 12 Nächten handelte es sich um die so genannten 12 Weih- oder Rauhnächte und dies mag evtl. auch mit dem Unterschied zwischen Mond- und Sonnenkalender zu tun haben. Die gesamte Zeit wird auch Julfest genannt (früheste schrftl. Erwähnung m. W. im "Codex Ambrosianus", einem gotischen Kalenderfragment aus dem 6./7. Jh.) und es ist traditionell die Zeit zwischen den Jahren. Mitunter findet man auch die Bezeichnung Modranecht (angelsächsisch, bei Beda Venerabilis "De Temporum Ratione" und dort im Kapitel „De mensibus Anglorum") oder zu deutsch "Mütternacht", also auch ein Zeichen der Frauen- bzw. Mütterverehrung, für die Nacht dieser Sonnenwende. Es war die einzige Zeit im Jahr, in der (fast) nicht gearbeitet wird, sondern ganz und gar die Familie im Mittelpunkt stand. Man holte sich zu ein paar Tannenzweige ins Haus und schmückte Haus und Hof bzw. Stall damit. Während dieser Zeit wurde das Haus und der Stall zudem mit getrocknetem Wachholder ausgeräuchert. Das Mitwinterfeuer wurde vom 01. auf den 02.01. entzündet. Dafür wurde oft ein großer Wurzelstock ins Feuer geschoben bzw. verbrannt. Mit einem brennenden Ast/Stock/Scheit den man am Julfeuer entzündete und von dort mit nach Hause nahm, wurde das eigene (vor der Feier verlöschte) Herdfeuer wieder entzündet, ein heiliger, symbolischer Akt. Denn das niemals verlöschende Feuer war auch das Symbol des (ursprünglich pantheistischen) Gottes: am Himmel die Sonne, für die Familie das Herdfeuer und für uns Menschen - das Herz: Licht, Wärme, Liebe und Leben. Und die Asche des Julfeuers war ebenso heilig und wurde im Frühjahr auf die Felder ausgebracht, manchmal mit Samen durchsetzt, natürlich auch, weil Asche an und für sich ein sehr guter Dünger ist

Soweit der kleine Ausflug in den heidnischen Jahreskreis. Ein Einblick in den heidnischen Lebenskreis findet sich in Teil 2 dieser Serie und eine allgemeine Einführung zum Thema heidnische Traditionen und Bräuche findet sich in Teil 1. Und damit endet auch der Einblick in die heidnischen Tradtionen unserer Vorfahren.

 

Verschlagwortung: 
Kategorie: 

Inhalte-Empfehlungen

Die Tugenden: Frauen- und Mütterverehrung
Natürlich ist die Verehrung der Eltern eine altehrwürdige und wichtige Tugend und sie gehört sicher auch hier her. Hier aber geht mir insbesondere um...
Heidnische Traditionen und Bräuche: Der Lebenskreis
Vorbemerkung: Die großen Ähnlichkeiten mit kirchlichen Riten gründen darin, dass die Kirche viele (mitteleuropäisch-) heidnische Traditionen...
Ein Gedicht in Ehren...
Bei meinen Recherchen zum Thema Familie habe ich es in irgendeinem Buch gelesen, ich glaube es war bei Wilhelm Heinrich Riehl. Ungefähr im 18. Jh....
Ein Theaterstück widmet sich Helena Petrovna Blavatsky
Die scheinbar aufwendige Aufführung im Rahmen multimedialer Effekte und einer Lichtshow durch einen preisgekrönten Regissseur umgesetzt und von einer...
Der erste abstrakte Künstler - eine Theosophin?
Die Online-Ausgabe der Osnabrücker Zeitung stellt am 25.06.2013 nicht unbegründet die Frage, ob denn nicht eine Frau zuerst abstrakte Kunst malte,...
Eines meiner Hobbys: Zeichnen
Seit 2001 ist das Medium durch das ich versuche künstlerisch tätig zu sein rein digital. Hier drei theosophisch inspirierte Werke.
Besuch auf dem Olympiaturm München
Das Wetter war nicht das beste zum Fotos machen, dennoch hier ein paar Schnappschüsse.
Projekt
Theosopische Bibliothek
Es geht bei diesem Projekt um das Zusammentragen folgender Literatur: In der Geheimlehre genannte oder empfohlene Literatur Veröffentlichungen von...
Buchtipp
Unsere Vorzeit
Wer sich für die Geschichten interessiert, die sich unsere Ahnen am Feuer erzählt haben oder später in der guten Stube, dem empfehle ich "Unsere...

Um am Forum teilnehmen bzw. Inhalte kommentieren zu können musst Du Dich anmelden oder registrieren.

Bitte beachten

Diese Webpräsenz widmet sich dem Thema Theosophie (insbesondere im Rahmen der Geheimlehre von Madame Helena Petrovna Blavatsky) und ist zum Zweck der Bildung einer Theosophischen Gemeinschaft ins Leben gerufen worden. Hier finden sich zudem ein Theosophie-Forum und aktuelle Inhalte rund um das Thema Theosophie bzw. Tugenden und die Vernunftwerdung. Bei der Veröffentlichung von eigenen Inhalten beachte bitte einige Hinweise.

On this site you can also find an international theosophy section and the quarterly "International Theosophy World News"-Newsletter.