Falsch verstandene Eltern-Liebe

Die heutige Kindererziehung krankt m.E. an vielen Stellen. Eine nicht unwesentlicher Aspekt davon ist die falsch verstandene Liebe.
Liebe

Manchmal ist auch in Sachen Liebe weniger mehr. (Bild: Steven Otto)

Als Eltern liebt man seine Kinder, über alles, zweifelsfrei. Diese Liebe zu seinen Kindern ist eine natürliche Quelle hingebungsvoller, selbstloser Fürsorge, zugleich die wahre und unvergängliche Liebe. Einfach wunderbar und sicher eines der schönsten, wenn nicht sogar das schönste Gefühl während eines Menschenlebens. Was tut man nicht alles für seine Kinder, weil man sie liebt, bspw. vergeben oder versöhnen, helfen oder beschützen und vieles andere tugendhafte mehr. Und diese Liebe ist zweifelsfrei der wichtigste Aspekt für Kinder.

Was aber meine ich mit falsch verstandener Liebe? Das ist in diesem Kontext das Erfüllen eines Kinder-Wunsches aus "Liebe", wenn die Konsequenzen der Erfüllung dieses Wunsches Untugend oder Unvernunft sind.

Ein Kind ist ein Kind, d.h. es weiß fast nichts, hat fast keine Lebenserfahrungen, es kennt sich in dieser Welt nicht aus, kann die Konsequenzen seines Handelns oft nicht richtig einschätzen und ist in vielerlei Hinsicht ein noch gänzlich ungeschliffener Diamant.

Und in diesem Zusammenhang verstehe ich eine heute verbreitete Unsitte mancher Eltern nicht, immer ihr Kind zu fragen. Was essen wir heute, ist es so recht, wo gehen wir lang, was machen wir jetzt etc. pp. So zwingt man sich geradezu eine Diktatur seiner eigenen Kinder auf, eine Diktatur unwissender Geschöpfe! Wo soll das hinführen? Man überträgt heute oft unnötig die Autorität auf das Kind, erhebt es in eine Stellung, in der es aber aufgrund seiner Unwissenheit und Ungeschliffenheit nicht sein sollte. Auch das ist m.E. falsch verstandene Liebe. Ja, alle Kinder wollen erwachsen sein, aber ein Kind kann doch per Deifintion nur erwachsen werden, niemals sein. Aber das nur am Rande, denn es geht mir um etwas anderes.

Ein Kind hat viele Wünsche. Bekommt ein Kind einen seiner Wünsche nicht erfüllt, dann ist es traurig. Jemanden traurig zu sehen, den man über alles liebt ist eine Qual. Und so leiden beide, das Kind und die Eltern. Also erfüllen viele Eltern die Wünsche ihrer Kinder, damit sie und ihre Kinder glücklich sind. Aber wo führt das hin, wenn man nicht mehr differenziert zwischen unvernünftigen und vernünftigen Wünschen und man zudem nicht bereit ist, für ein höheres Ziel Leiden in Kauf zu nehmen?

Eine Süßigkeit ist bspw. einfach grob unvernünftig. Man kann es nicht oft genug sagen: Industriezucker ist ein Vitaminräuber, schädigt die Darmflora und ist stark säurebildend. Nichts gegen Fruchtzucker, wenn er in Obst ist oder Honig, aber Industriezucker ist für den Körper Gift. Süßigkeiten sind eine gigantische Verschwendung natürlicher Ressourcen, weil sie zum körperlichen Überleben nicht nötig sind und sie sind zudem auch noch schädlich.

Ist es also eine falsche oder richtige Liebe, seinen Kindern einen solchen Wunsch zu erfüllen? Die wahre Liebe nimmt hier das Leiden beider in Kauf, nicht nur aus gesundheitlichen, sondern auch aus Erziehungsgründen. Der äußere Gehorsam des Kindes wird später zum inneren Gehorsam und das ist: Selbstdisziplin. Die falsche Liebe sagt: "Ein bisschen Gift (Industriezucker) kann ja nicht schaden." Doch. Es schadet. Es tötet nicht, aber es schadet, zweifelsfrei, nicht nur körperlich. Und damit belohnt man dann seine Kinder, macht ihnen eine Freude, mit Gift (Süßigkeiten)? Das soll Liebe sein? Das ist in jedem Fall einfach unvernünftig. Und ein jedes Kind wird das ab einen bestimmten Alter vollkommen verstehen, denn niemand will wirklich unvernünftig sein. Und Menschen mit starker Selbstdisziplin werden zudem eher bewundert als ausgelacht.

Das höhere Ziel, für das das Leiden in Kauf genommen werden sollte, ist die sittliche Veredelung des Menschen, d.h. die Erziehung zur Schönheit, zur inneren Schönheit. Ein Mensch, der eine gute Erziehung hatte und damit eine starke Selbstdisziplin besitzt und auch die anderen Tugenden lebt, der wird ein relativ selbstbestimmtes Leben führen. Er hat als Kind oft gelitten, wie seine Eltern mit ihm (geteiltes Leid ist auch hier halbes Leid), als er vom ungeschliffenen zum geschliffenen Diamanten wurde und funkelt nun aber den Rest seines Lebens in einem hohen Maße moralischen Glanzes und zeigt auch einen gewissen Widerstand gegen die unvermeidlichen Härten des Lebens.

Der Mensch, der jeden Wunsch in seiner Kindheit erfüllt bekam, war als Kind vielleicht nie unglücklich, er ist aber auch schwach, wenn es darum geht, sich innere, unvernünftige Regungen und Wünsche zu versagen. Und niemand ist frei von solchen Regungen. Er führt demnach kein selbstbestimmtes Leben, sondern ist getrieben von seinen inneren, unvernünftigen Regungen, die ihm als Kind nicht abgewöhnt wurden. Ihnen unterliegt er beständig, da er als Kind nicht die nötige Stärke entwickeln konnte, denn das geschieht im Kindesalter vor allem durch das erfolgreiche Versagen von Wünschen aufgrund der elterlichen Autorität. Und auch bei den unvermeidlichen Härten des Lebens wird er schnell schwach, da er nicht damit umgehen kann, wenn das Leben auf einmal kein Wunschkonzert mehr ist.

Und warum sollte sich bspw. ein Vater beim Wettrennen von seinem Kind besiegen lassen, wenn dieses Ergebnis doch der Realität nicht entspricht? Wie soll denn da jemals ein Ansporn im Kind entstehen, sich den langen und schweren Weg entwickeln zu wollen, um endlich auch mit seinen Eltern mithalten zu können, es ihnen zu beweisen, auf Augenhöhe zu sein mit ihnen, körperlich und geistig? Das führt doch wie die Autoritätsübertragung nur zu Sebstüberschätzung und Verzerrung der Sichtweise des Kindes.

Ein Kind sollte u.a. Gehorsam zeigen, ein wahrhaftiges Selbstbild haben und sich an der Stelle der Familien-Hierarchie einordnen, in die es naturgemäß gehört. Und wer sein Kind wahrahft liebt, der erzieht es. Ein Kind hat ein Recht auf eine vernünftige Erziehung! Andernfalls bleibt es unerzogen, mit allen daraus erwachsenden negativen Konsequenzen in seinem Leben, für das die Eltern (in jedem Fall vor den moralischen Gesetzen) wesentlich mitverantwortlich sind. Wenn jedoch die Eltern Wein trinken und Wasser nur predigen, dann ist die Erziehung natürlich vollkommen zwecklos, denn absolute Integrität ist das wichtigste und oberste Gebot. Kinder lernen durch Nachahmung!

Es bliebe noch sehr viel zu diesem Thema zu sagen. Ich empfehle allen Eltern das Buch Kallipädie oder Erziehung zur Schönheit aus dem auch der Grundgedanke hinter diesem Blogeintrag stammt.

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