Die Tugenden: Selbstlosigkeit

Ein tugendhaftes Leben zu führen heißt ein relativ geistiges Leben zu führen.
Flammen

Das Feuer: Seit je her Sinnbild des Göttlichen und das Göttliche wurde u.a. immer auch als die Vereinigung aller Tugenden und das in höchster Vollkommenheit gedacht. (Bild: Steven Otto)

Neben der Barmherzigkeit und Nächstenliebe ist die Selbstlosigkeit eine der drei Tugenden, die wir tatsächlich von allen Weltheilanden und wahren Weisen zu jeder Zeit anempfohlen bekommen haben, was nicht nur ein besonders schöner Hinweis darauf ist, dass, wie die Theosophie es lehrt, im Grunde oder Ursprung nur eine Lehre bestand, sondern auch dafür, dass es vorzüglich die Tugenden sind, die sich in allen diesen daraus hervorgegangenen Lehren als wichtigste praktische Lebensregeln wiederfinden.

Und das natürlich nicht zu Unrecht, wie nicht nur aus den theosophischen Lehren hervorgeht. Das Geistige ist die Vernunft und das Gute, die Liebe und das Leben, die Tugend und Glückseeligkeit in Vollkommenheit und an und für sich. Das Materielle bringt die entgegengesetzten Wirkungen hervor, was ja auch in dieser unseren materialistischen Gesellschaft von Tag zu Tag deutlicher wird.

Die Selbstlosigkeit

... ist die zentrale ... Voraussetzung für die Feststellung der Gemeinnützigkeit im Sinne der Abgabenordnung. Eine selbstlose Tätigkeit (...) ist die Förderung oder Unterstützung, „wenn dadurch nicht in erster Linie eigenwirtschaftliche Zwecke - zum Beispiel gewerbliche Zwecke oder sonstige Erwerbszwecke - verfolgt werden".

Trotz des hier zugegeben etwas unphilosophischen Kontext wird auch in dieser Definition von Wikipedia deutlich, worum es bei der Selbstlosigkeit geht.

Und es sei vorweggenommen, dass wie immer die Vernunft an oberster Stelle steht und das heißt in diesem Falle: Vollkommene Selbstlosigkeit in diesem unseren Leben wäre höchst unvernünftig, würde dies doch vollkommene Selbstaufgabe bedeuten und man könnte so weder für sich noch für andere in irgendeiner Weise nützlich sein. Ein Mindestmaß an Egoismus – dem der Selbstlosigkeit gegenüberliegenden Pol – ist natürlich von Nöten, um in dieser Welt überhaupt überleben zu können.

Dazwischen aber ist der Spielraum sehr groß und die Anforderungen dieser Tugend auch im Rahmen der Vernunft ist höchst idealistisch oder mit anderen Worten: nicht einfach zu realisieren und schon gar nicht für jemanden, der in der "westlichen Wertegemeinschaft" aufgewachsen ist, denn dort wird immernoch "das Gesetz des Stärkeren" gepredigt, vormals der "Kampf ums Leben" der schon von den Begründern der Theosophischen Bewegung als eines der Hauptübel dieser Gesellschaftsform dargestellt wurde.

Die Natur spricht niemals von einem Gesetz des Stärkeren, sondern vom Gesetz des Tauglichsten (im engl. "fittest" = tauglischsten ) und sofern man metaphysiche Gesetz wie bspw. Reinkarnation und Karma in seine Sichtweise einbezieht heißt dass nicht, dass letzlich nur der Skrupelloseste überlebt, wie wir es inhärent vom Materialismus gelehrt bekommen und bei näherer Betrachtung natürlich die Wurzel des Übels ist, sondern derjenige, der sich im Einklang und Rahmen der geistigen oder moralischen Gesetze bewegt. Denn dieser Kosmos ist im Ursprung ein geistiger Kosmos, seine materielle Welt nur ein vergängliches Mittel zum Zweck, und zwar ein vergängliches Mittel zur geistigen Entwicklung.

Mit meinem Artikel "Die Schande des Materialismus" leite ich die Wichtigkeit der Selbstlosigkeit ganz ohne Metaphysik für jeden nachvollziehbar wie folgt her:

Selbstlosigkeit ist eine Tugend, die unabdingbar ist, um die natürliche Harmonie zu erhalten, was für Natur und Gesellschaft gleichermaßen gilt.

Eine Gesellschaft mit vollkommen selbstlosen Individuen wird früher oder später in vollkommener Harmonie leben. Eine vollkommen egoistische Gesellschaft, in der jeder ohne Rücksicht auf Natur und Mensch nur sein eigenes Wohl im Blick hat, wird jedoch früher oder später im vollkommener Disharmonie (Chaos) enden.

Und anhand der Natur lässt sich dies sehr einfach beweisen. Ihre Wesen, sofern man den Mensch außen vorlässt, sind sehr selbstlos und d.h. bspw. Tiere nehmen nur so viel Nahrung zu sich, wie sie zum körperlichen Überleben benötigen und sie entnehmen generell nur so viel Ressourcen aus dem Naturkreislauf, wie sie zu einem vernünftigen Leben bedürfen. Insbesondere und genau aus diesem Grund herrscht in diesem Sinne in der Natur auch vollkommene Harmonie oder anders gesagt: sie ist alles in Allen selbsterhaltend und jedes ihrer Lebewesen ist im Normalfall immer mit allem Nötigen ausreichend gut versorgt.

Und was für eine Gesellschaft gilt, gilt natürlich auch für das Individuum. Harmonie ohne Selbstlosigkeit ist unmöglich oder anders gesagt: Egoismus ist unnatürlich und erzeugt früher oder später Disharmonie.

Aber es gibt noch einen weiteren wichtigen Grund für die Wichtigkeit der Selbstlosigkeit, der in der Artikelserie "Der innere Kampf um das geistige Überleben" genauer in Teil 2  "Der Kampf" deutlich wird. Es geht dort u.a. um dem schwierigen Kampf der Vernunftwerdung ohne die eine geistige Entwicklung nicht stattfinden kann und das innere Leiden, was diesen Kampf kennzeichnet:

Wer es also nicht schafft in den häufigen Augenblicken des Leidens und des eigenen Widerwillens, den täuschenden und sehr verlockenden Bildern, Gefühlen und anderweitigen versuchenden Regungen zu widerstehen, sich selbst zu überwinden, sich selbst zur Tugend und zum Durchhalten anzutreiben, zu sich selbst hart und unnachgiebig zu sein, über seinen eigenen Schatten zu springen, sich selbst zu beherrschen, sich selbst hinsichtlich dieses Leidens und seiner niederen Bedürfnisse zu verleugnen und vor allem, wer es nicht schafft, diese Phase des Leidens zu ertragen, der kann diesen Kampf niemals gewinnen.

Um so aufgeblasener ein Ego ist, um so wichtiger es sich nimmt, kurzum, um so egoistischer ein Mensch ist, um so schwieriger wird ihm natürlich auch diese Selbstverleugnung und Selbstüberwindung fallen. Und man sollte hier Willenskraft bitte nicht mit Ego verwechseln, zwei völlig unterschiedliche Dinge.

Auch bei der für den inneren Frieden und die geistige Entwicklung so wichtigen Tugend der Herzensreinheit spielt die Selbstlosigkeit eine wichtige Rolle, denn von anderen zugefügtes Leid kann eine selbstlose Person unzweifelhaft sehr viel einfacher vergeben, als ein Egomane.

Fasst man allein diese wenigen aber sehr wichtigen Aspekte der Selbstlosigkeit zusammen, so wird deutlich, dass ein harmonisches und vernünftiges, d.h. natürliches und tugendhaftes Leben und damit eine geistige Entwicklung bzw. Überleben nicht möglich sind, sofern man nicht auch eine ordentliche Portion Selbstlosigkeit mit sich bringt und bereit ist, sich den natürlichen moralischen oder geistigen Gesetzen (oder Tugenden) zu unterwerfen.

Nun fragt sich natürlich, welcher Grad von Egoismus noch vernünftig ist. Törricht wäre es bspw., als Familienvater all sein Hab und Gut zu verkaufen und seine Lieben einer unsicheren Zukunft auszusetzen, nur weil man meint, jetzt besonders selbstlos sein zu müssen. Und es sollte sich auch weniger auf den Besitz beziehen – wobei natürlich unnötiger Besitz wie auch unnötiger Verbrauch eine Verschwendung natürlicher Ressourcen sind, die natürlich in der Natur individuell wie gesellschaftlich Disharmonie erzeugen müssen – sondern vielmehr auf das tägliche Handeln.

In diesem Sinne könnte man Selbstlosigkeit als eine wichtige Eigenschaft des menschlichen Handelns zum Wohl anderer Menschen bezeichnen und das bestenfalls, ohne dafür irgendetwas zu erwarten, noch nicht einmal ein Dankeschön. Denn man hilft nicht um des Lohnes willen, sondern weil es gut ist es so zu tun bzw. um der Natur bei ihrer Entwicklung behilflich zu sein, d. h. tugendhaft zu leben und zu handeln bzw. vernünftige Erfahrungen zu sammeln – der Sinn des Lebens – in diesem Falle also selbstlos handeln und demnach Selbstlosigkeit durch Taten bezeugen.

Und das der Selbstlose in dieser materialistischen Gesellschaft vornehmlich der Dumme ist bzw. so genannt wird, sollte hinischtlich der Eingangs erwähnten Unterschiede zwischen geistigen und materiellen Prinzipien und deren Konsequenzen nicht verwundern. Aber für einen spirituellen Menschen ist ebenso klar, dass die Materie immer vergeht und nur der Geist ewig ist.

Lebe für dich selbst und du lebst umsonst; Lebe für Andere und lebe immer wieder. (Bob Marley)

In diesem Sinne wäre es schön, wenn wir alle mehr ein Auge für die Anderen haben und uns fragen, was wir ihnen wohl Gutes tun könnten und auch dementsprechend handeln und das eigene Ego, dieses ständige "ich, mich, mir, meins", was zu so viel Problemen in der Welt führt, viel weiter hinten anstellen würden.

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