Die Tugenden: Mitleid und Barmherzigkeit

Ein tugendhaftes Leben zu führen heißt ein relativ geistiges Leben zu führen.
Das Feuer

Das Feuer: Seit je her Sinnbild des Göttlichen und das Göttliche wurde u.a. immer auch als die Vereinigung aller Tugenden an und für sich in größter Vollkommenheit gedacht.

Mitleid und Barmherzigkeit sind Eigenschaften des menschlichen Charakters oder genauer positive Eigenschaften des Charakters, welche auch Tugenden genannt werden. Als Haupttugenden sind sie die wichtigsten Pflichten in allen großen Religionen und in vielen Philosophien und auch in der Theosophie spielt Mitleid und Barmherzigkeit eine zentrale Rolle.

Eine Person die Mitleid empfindet öffnet ihr Herz gegenüber der Not anderer. Man kann es auch eine gefühlte Anteilnahme gegenüber Not, Schmerz und Leid Anderer nennen. Und sehr viel Philosophie liegt zudem in der folgenden Aussage Heinrich Heines:

Das Mitleid ist die letzte Weihe der Liebe, vielleicht die Liebe selbst.

Um zu Mitleid fähig zu sein, muss man natürlich ein Herz besitzen und zwar im philosophischen Sinne, d. h. eine Seele und die Anteilnahme an deren wahrer Liebe. Diese wahre Liebe öffnet unser Herz und macht uns zum Kanal der höheren Liebe unserer Seele, erhöht uns und diese Welt des Kummers, denn niemand der so liebt, kann Leid ignorieren und sich der Barmherzigkeit verschließen.

Und hinsichtlich der Barmherzigkeit klärt uns das „Etymologische Wörterbuch des Deutschen“ (Akademie Verlag GmbH Berlin, 1993, S. 100) wie folgt auf:

„erbarmen ... 'sich aus Mitleid und Barmherzigkeit jemanden annehmen' ... Erbarmen n. 'Mildtätigkeit, Milteid... barmherzig Adj. 'mitfühlend, mitleidsvoll, mildtätig' (gegenüber Bedürftigen) …“ usw.

Und das bedeutet nichts weniger als Hilfestellung zu leisten und zwar jenen, die in Not sind, den Armen, den Leidenden, den Bedürftigen, den Kranken, kurzum den Hilfsbedürftigen.

Umso größer das Mitleid und die Barmherzigkeit sind, umso größer, ausdauernder und liebevoller ist natürlich nicht nur der fromme Wunsch oder Vorsatz der Hilfeleistung, sondern auch dessen praktische Verwirklichung. In „Die Stimme der Stille“ von Helena Blavatsky lesen wir folgendes:

Lasse die sengende Sonne keine einzige Schmerzensträne trocknen, die du nicht selbst vorher vom Auge des Leidenden weggewischt hast. Lasse vielmehr jede heiße Menschenträne auf dein Herz tropfen und dort verweilen. Wische sie erst weg, wenn der Schmerz, der sie gebar, beseitigt ist.

Das sind die idealen Ansprüche der heiligen und ursprünglichen philosophischen Lehren des Guatama Buddha, die sich in ihrem esoterischen Aspekt in der Gehemlehre finden, und zugleich von alle Weltweisen und Weltheilanden gepredigt und von vielen Philosophen gelehrt wurden und das zu jeder Zeit und in jedem Teil dieser Welt, eine insbesondere für diese Gesellschaft sehr wichtige und auch sehr anspruchsvolle moralische Ethik und nicht nur die Basis der Theosophischen Lehren sondern auch ein Hauptziel der Theosophischen Bewegung.

Es wäre ein alles Leid vernichtender Segen in der praktischen Umsetzung und doch heute leider viel zu oft nur theoretischer Idealismus. Wer sich heute auf dieser Welt umschaut und all das Leid wahrnimmt, welches diese Welt in ein so großes Jammertal verwandelt, wenn er denn ein Herz besitzt, wahrhaft liebt und sich diesem Leid vollkommen öffnet, müsste denn derjenige nicht augenblicklich zu Grunde gehen? Sinngemäß sicher so, aber ist das eine gerechtfertigte Begründung, sich und sein Herz vor jeglichem Leid zu verschließen? Ich denke nicht, sondern das ist allzuoft nur eine wohlfeile Ausrede.

Es ist an uns - den durch sein höheres Prinzip vernunftbegabten Menschen - auch einen Weg der Vernunft zu gehen und dieser lautet hier in etwa mitzufühlen, soweit es unsere seelische Stärke zulässt und zu helfen, soweit wir es mit unseren Mitteln und durch unsere Hände direkt und vernunftgemäß tun können. Das aber ist nicht weniger als unsere heilige Pflicht.

Es geht also bei diesen Tugenden nicht darum, mitzujammern und das Leid nur oder überhaupt es zu beklagen, dies währe alles andere als tugendhaft. Es geht um wahre Liebe und Hilfeleistung. Wer ein reines Herz hat und wahrhaft liebt, der leidet nicht nur mit, sondern erbarmt sich auch und hilft dem Leid, sofern vernünftig und möglich, ab.

Mensch, mache dich gemein mit der Barmherzigkeit. Sie ist die Pförtnerin im Schloss der Seligkeit.

Angelus Silesius, deutscher Lyriker, Mystiker und Arzt

In diesem Sinne... habt erbarmen.

 

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