Die Tugenden: Enthaltsamkeit

Es gibt wohl nicht viele Tugenden, die wichtiger wären, als die Enthaltsamkeit und ich rede speziell hier konkret von sexueller Enthaltsamkeit oder zumindest starker Mäßigung.
Das Feuer

Das Feuer: Seit je her Sinnbild des Göttlichen und das Göttliche wurde u.a. immer auch als die Vereinigung aller Tugenden und das in größter Vollkommenheit gedacht.

Es ist immer wieder interessant in alten Büchern zu lesen. Und so lange ist es noch gar nicht her, als ein tiefer Blick in die Augen und das erwiederte Ergreifen der jungfräulichen Hand bereits als ein festes Heiratsversprechen galt. Und dabei wurde man dann nicht selten noch hochrot vor Schamgefühl. Oder man denke an die Schilderungen von Tacitus oder Caesar, wie sie die vorbildliche Enthaltsamkeit der Germanen erwähnen, denen ein "Umgang mit dem Weibe" vor Vollendung des 20. Lebensjahres als eine große Schande galt. Und man darf nicht denken, das ohne Ehe überhaupt irgendetwas auch nur ansatzweise in dieser Richtung passierte, zumindest bis ins 20. Jh. hinein.

Und warum uns immer wieder im religiösen oder philosophischen Kontext Enthaltsamkeit nahe gelegt wird, ist einem spirituell veranlagten Menschen im Grunde relativ einfach erklärt:

Der Geist ist ewig, die Materie oder genauer die materiellen Formen sind vergänglich. Wir als "irdische Egos", das "Ich", sind geistig-materielle Wesen und unsere Zukunft liegt diesbezüglich in unserer eigenen Hand, d.h. wer von uns ein überwiegend materielles Leben führt (untugendhaft), der vergeht nach dem irdischen Tod mit der materiellen Form (Körper) und wer ein mehr geistiges Leben führt (tugendhaft), geht nach dem irdischen Tod mit der spirituellen Form (Seele) in eine geistige Ebene über und kann nicht mehr vergehen.

Das ist Teil des übergeordneten Sinn des Lebens, d.h. eine geistige Entwicklung (der Natur) und hier genauer, die der Tauglichsten, d.h. jener, die sich am besten gegen die vereinnahmenden und herabziehenden Tendenzen oder Regungen der Materie (Körper) behaupten können. Und Sex ist in diesem Sinne mit großem Abstand das Materiellste (Sinne, Sinnlichkeit = Körperlichkeit), was ein Mensch auf Erden tun kann und das gilt auch für derartige Gedanken oder auch reine "Trockenübungen". That's it. So wird es gelehrt und im gleichen Atemzug auch: Niemand wird zu irgendetwas gezwungen, jeder soll tun und lassen, was er für richtig bzw. falsch hält.

Ich für meinen Teil habe mich entschieden. Sex dient, und dabei blicke ich in die Natur, lediglich der Fortpflanzung. So lehrt es auch Theosophie. Das ist der alleinige und natürliche Zweck der geschlechtlichen  Vereinigung. Die Geschlechter der Tiere sind abseits der Paarungszeit "neutralisiert" und die oft genannten, im Vergleich zu den ungezählten Tierarten aber sehr wenigen Ausnahmen diesbezüglich, bestätigen nur diese Regel.

Und dennoch ist die sexuelle Vereinigung auch ein sehr heiliger Schöpfungsakt. Er ist das irdische oder körperlich-materielle Abbild eines höheren rein geistigen idealen Schöpfungsaktes. Aber jeder sexuelle Akt, der nicht der Kinderzeugung dient, beschmutzt nicht nur die Heiligkeit der Frau, sondern auch die eigene Seele, da es widernatürlich oder gegen die Natur ist. Und die Natur wurde in antiken philosophischen Kreisen auch die Seele der Welt genannt, von der auch wir körperlich wie seelisch über "ein paar Ecken" abstammen. Nun hat zwar jeder einen relativ freien Willen und entscheidet selbst, dies bdeutet aber auch, dass er selbstverantowrtlich ist und ein unnatürliches Verhalten ruft immer Karma in seinem strafenden Aspekt auf den Plan, was man einfac hgesagt auch als Selbstschhutz der Natur bezeichnen könnte. Und die psychischen und physischen Plagen, die die Menschheit heute heimsuchen, wie ihre Sünden, ungezählt.

Reichliche Vermehrung ist natürlich und gut. Es ist also durchaus sehr tugendhaft eine Familie zu gründen und in diesem Sinn werde ich lediglich Sex haben, um Kinder zu zeugen. Darum geht es. Und da dieser Zeugungsakt heilig ist, sollte man ihn auch dementsprechend vollziehen. In besseren, sprich geistigeren oder vernünftigeren Zeiten, übten sich die zukünftigen Eltern in Vorbereitung auf die Zeugung in besonderer Reinheit der Gedanken, Worte, Handlungen und des Körpers, d. h. außerordentlich tugendhaftes Verhalten und auch dadurch, dass man sich besonders dem Schönen und Gutem zuwendet, bspw. der Natur, einer geistigen Philosophie oder den schönen Künsten. Der Zeugungsakt selbst sollte in entsprechender Athmosphäre ebenso von Geistigkeit durchdrungen sein und die heilige Handlung der Vereinigung mit Nichten durch irgendwelche schmutizgen Gedanken oder unzüchtiges Verhalten beschmutzt werden, s. hierzu auch Kallipädie oder Erziehung zur Schönheit.

Und diese Sichtweise führt heute leider immer wieder zu Missverständnissen oder Unverständnis. Ich bin hier schon oft auf mein Verständnis von wahrer Liebe eingegangen, welches das Verständnis der Liebe vor der Aufklärung wiederspiegelt und lautet: Wahre Liebe ist selbstlose, hingebungsvolle Fürsorge, Und das ist vollkommen ohne Sexualität möglich. Und das ist auch gut so, denn alles körperliche ist nunmal höchst vergänglich und wer allein daran seine Liebe heftet, wird sie früher oder später verlieren. Viele sehen in der körperlichen Vereinigung mit ihrem Partner den Kulminationspunkt einer Beziehung und nicht selten wird heute darunter bereits Liebe verstanden, frei nach dem Motto: "Liebe machen", jedoch kulminiert bei genauerer Betrachtung nur der Körper über seine Sinne, nicht unbedingt das Herz.

Der wahre (spirituelle) Wunsch nach Vereinigung ist ursprünglich ein rein geistiger und kommt aus unserem Herzen (Seele) und er animiert uns dazu, ein tugendhaftes Leben zu führen, um uns am Ende des irdischen Lebens mit unserem höheren Prinzip in uns, den reinkarniernden göttlichen Ego, von dem wir als irdisches Ego abstammen, vereinigen zu können, was nur möglich wird, wenn wir geitsig und rein genug (geblieben) sind. Und das ist es, was uns letztlich das geistige Leben schenken wird. Und so dienen wir der Natur bei ihrer geistigen Entwicklung und nur darum geht es in diesem Kosmos, um geistige Entwicklung, s. auch Theosopie der Geheimlehre v. H.P. Blavatsky: Eine Einführung - Teil 4. Wir aber, (noch sehr) unvollkommene geistig-materielle Wesen in einem irdisch-materiellen Körper, dazu noch so überaus materialistisch lebend, wie in dieser westlichen Gesellschaft, lassen uns (nur allzugerne) über den ursprünglichen und wahren (d.h. spirituellen) Grund unserer Sehnsucht nach Vereinigung täuschen.

Es stimmt zweifelsfrei, dass bestimmte Energien im Körper fließen, die sich nicht unterdrücken lassen. Aber ich unterdrücke nichts, sondern ich leite lediglich um, habe Untugendhaftes durch Tugendhaftes ersetzt, neue Hobbys gefunden etc. pp., so dass sich nichts aufstaut in mir, sondern diese Energien, die ja auch einen natürlichen Sinn und Zweck erfüllen, zur Verwirklichung bestimmter Ziele in meinem Leben genutzt werden. Und das alles geht ganz ohne Meditations-Hokus-Pokus, d. h. einfach dies lassen und dafür jenes tun. Und das regelmäßge kalt abduschen hilft tatsächlich auch in dieser Hinsicht.

Und ganz zweifelsfrei ist es natürlich auch richtig, dass ein Mensch Nähe, Wärme und Zärtlichkeit eines anderen Menschen benötigt, um vollständig Mensch zu sein, schließlich sind wir fühlende Wesen. Aber auch das wird mit Nichten durch eine solche Forderung nach Enthaltsamkeit ausgeschlossen, ganz im Gegenteil, gewinnt die wahre Liebe dadurch eine ganz neue Qualität und diese spirituelle Liebe ist im gegensatz zur körperlichen Liebe ewig.

Das Schöne dabei ist ja, dass wir einen (relativ) freien Willen haben, demnach selbstbestimmt sind und in einem freien Land leben und deshalb kann jeder seinen Weg individuell wählen. Das der Weg des Maß haltens oder der relativen Enthaltsamkeit (m.E.) der richtige ist, zeigt auch wieder die übliche Einstellung der (vernünftigen) Frauen zu diesem Thema, die ja ihrem Herzen, d. h. sinngemäß ihrer Seele meist näher sind als die Männer und die hier gegenüber den Männern nicht selten mit Zurückhaltung glänzen, nicht umsonst galten sie einst als Wahrerin der Tugenden und Sitten in den Familien.

Zugeben, dass waren noch die Zeiten, als eine unverheiratete Frau nicht ohne Anstandsdame auf die Straße ging und der Blick züchtig gesenkt wurde, wenn ein Jüngling des Weges kam. Nicht das ich mir nun unbedingt diese einengende Überwachung wieder herbeisehne, aber eine freiwillige Keuschheit steht Menschen für wahr sehr gut an.

Das Geheimnis eines glücklichen Lebens liegt in der Entsagung. (Mahatma Gandhi)

Der Materialist ist bedürfnisreich und entbehrungsarm, der wahre Spiritualist (oder Esoteriker), so wie Gandhi einer war, ist bedürfnisarm und entbehrungsreich oder anders gesagt: Die Letzten werden die Ersten sein. Umso näher man seinem höheren Prinzip ist, d. h. um so geistiger man lebt, umso glücklicher ist man, was ja im letzten Blogeintrag mit dem Thema: Philosophie des Glücks auch mehr oder weniger wissenschaftlich bestätigt wurde und Gandhi wusste sicher auch um den übergeordneten Sinn des Lebens, wie in die Theosophie lehrt, schließlich kannte er Madame Blavatsky und ihre Lehren und wurde maßgeblich von ihnen inspiriert.

Oft ist weniger tatsächlich mehr; bei diesem Thema ganz sicher, in diesem Sinne...

 

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