Die Familie im historischen Kontext I: die natürliche Famile

Wenn man heute von einer „Krise der Familie“ spricht, dann wird sehr beschönigend der radikale Abbruch der Institution Familie umschrieben. Heute macht man sich keine Vorstellung mehr davon, was man einst unter Familie verstand.
Familie beim Drachensteigen

Die "Kernfamilie" war nicht immer das, was man unter Familie verstand. (Bild: Steven Otto)

Vom Altertum zur Postmoderne: die Familie im historischen Kontext

Teil 1 von 3

Die Frühzeit: natürlich gewachsene Strukturen

Das früheste nachweisbare Bild einer Familie in unserem Sinn lässt sich an der Hofgemeinschaft festmachen, d. h. ein Bauernhof mit ausreichend Land und Vieh beherbergt mehrere Generationen einer Familie und deren nicht verwandte Angehörige, bspw. das Gesinde, alles zusammen später auch „Das Haus“ genannt. Wurde die Gemeinschaft zu groß, wurde Hab und Gut sowie die Gemeinschaft geteilt und so wuchs die Anzahl der Höfe in einer Gegend. Freies Land war damals nicht das Problem. Durch viele solche Höfe entstand ein Dorf. Das waren damals reine Sippendörfer, d. h. dass alle angehörigen des Dorfes sich über einen fernen Ahnen definierten und somit zu einer Sippe gehörten. Das war die Urform des Dorfes und in diesem Sinne war das Dorf, wie z. Bsp. bei den Griechen, nur die Erweiterung des Hauses. Man stand sich demnach in Freud und bei Leid im ganzen Dorf bei, da es sich tatsächlich um eine Familie im weiteren Sinne handelte. Das war mehr oder weniger noch bis vor ein paar hunderten Jahren so.

Was die natürliche Familie im eigentlichen Sinne angeht, hilft ein Blick zu den antiken Römern. Nicht alle Aspekte dieser Familie waren vernünftig, hier aber geht es nur um die Struktur. Die Familie definierte sich über den Urgroßvater oder anders gesagt über einen Vater und die drei Generation seiner Nachfahren. Die übliche Vorgehensweise war überwiegend diejenige, dass die Frauen die Familie wechselten. Eine Tochter wurde bei Ihrer Heirat Mitglied der Familie ihres Mannes und nur ein männlicher Nachfahre konnte in diesem Sinne und auch im Sinne des Namens eine Familie weiterführen.

Ausgehend vom Urgroßvater gehörten aber nicht nur die drei Generationen seiner Nachfahren zu seiner Familie, sondern er war verpflichtet, auch mindestens drei Generation seiner Ahnen zu verehren, hier wieder insbesondere in seiner väterlichen Linie. Der „Ahnenkult“ war wesentlicher Bestandteil aller Kulturen zu jeder Zeit und in jedem Ort dieser Welt. Die Vorfahren und ihr Andenken wurden in Ehren gehalten. Sie waren Teil der Familie, man erzählte sich abends ihre Geschichte und hatte Haus- oder Familienaltäre. Neben den mündlichen Überlieferungen wurde in zivilisierten Zeiten zudem immer auch eine Haus- oder Familienchronik geführt, in der alle wichtigen Ereignisse eingetragen und Urkunden beigelegt wurden. Es war ein feierlicher Akt, wenn der Familienchronik ein neues Blatt bzw. wichtiges Dokument beigelegt werden konnte. Und selbst im Mittelalter war der Besuch der Ahnengräber bei wichtigen Ereignissen, bspw. bei einer Hochzeit, noch gute alte Tradition. Bei den Chinesen war sogar der gemeinsame Versammlungsort der Familie immer bei den Gräbern der Ahnen. Und bei den Chinesen umfasste die Familie sogar alle Nachfahren des Ur-Ur-Großvaters, was eine ganz beträchtliche Anzahl von Familienmitgliedern hervorbringt. Das waren wohl gemerkt noch keine Sippen, sondern natürliche Familien. Bei den Römern konnte eine solche Familie erst mit dem Tod des Ur-Großvaters aufgespalten werden.

Eine natürliche Familie umfasste daher mindestens vier Generationen von Männern, deren Frauen und Nachfahren usw. und drei Generationen der Ahnen. Ohne die Ahnen kommen so schnell 50 bis 100 Personen zusammen. Diese historische Familie war die absolute Basis eines Menschen. Sie stand in allen Kulturen für Kontinuität, Dauer, Solidarität und Sicherheit. Sie war der Dreh- und Angelpunkt des menschlichen Lebens und erfüllte als wichtigste Aufgabe die vollumfängliche Versorgung aller ihrer Mitglieder. Der einzelne war im Rahmen seiner Familie, aufgrund der Unabhängigkeit der Familien, vollkommen rechtlich, sozial und wirtschaftlich abgesichert. Das ist der höchste Sinn und Zweck der Familie.

Die Sippe trug dazu wesentlich bei. Im europäischen Mittelalter zeichnete die (gehobene) Sippe mindestens durch folgendes aus: das Memorialbuch in dem die Geschichte der Familie, die Namen der Ahnen sowie der Stammbaum schriftlich niedergelegt wurde, der gemeinsame Familienname, eine Privatkirche, ein gemeinsames Wappen und ein Schiedsrichter bei Streitigkeiten sowie bestimmte Traditionen bzw. Familiengesetze. Bei den Chinesen galt ganz ähnliches, hier war es mindestens die schriftliche Niederlegung des Stammbaumes, die Gründung eines sippeneigenen Getreidespeichers und einer Schule sowie die Errichtung eines Ahnentempels bzw. zugehörige Grabmale der (ruhmreichen) Ahnen, um eine Sippe zu markieren.
Die verbindlichen Rechte und Pflichten innerhalb einer der Sippe waren u.a.: die Hilfestellung, ob bei Arbeiten, Leihgaben, Beistand in besonderen Situationen oder auch das verpflichtende Abstellen von Arbeitskräften für gemeinnützige Aufgaben. Zudem war all das, was heute unter Rechtspflege (Streitschlichtung und Rechtsprechung), Gemeindeverwaltung (Verwaltung gemeinschaftlicher Güter und Besitztümer, Koordination bspw. gemeinnütziger Tätigkeiten), Wohlfahrtspflege (Nothilfe, Pflege) usw. verstanden wird, Aufgaben der Sippe. In Indien aber auch in anderen Kulturen wie bspw. bei den Germanen, war der Grund und Boden bzw. das Vieh, die Gerätschaften etc. nicht im Besitz der Familie, sondern immer im Besitz der Sippe, also gemeinschaftliches Eigentum. Mit dem Ende einer Familie fiel der Besitz wieder zurück an die Sippe und wurde neu verteilt.

Die natürlichen Familien wuchsen, die Höfe vermehrten sich und damit wuchsen auch die Sippendörfer. Neue Dörfer entstanden und es bildeten sich Dorfgemeinschaften und diese Dorfgemeinschaften bildeten Stämme, d. h. der Zusammenschluss vieler verschiedener Sippen in einem Gebiet, wie bspw. um die Zeitwende der Stamm der Sachsen an der Nordseeküste. Im ursprünglichen Sinne waren die natürlichen Familien in ihrem Zusammenschluss als Sippendorf die Urform des Dorfes und die Sippen und Stämme zugleich die natürlichen Vorläufer des Gemeinde- und Staatswesens.

Und lange Jahrtausende lebte man so. Unabhängig, auf eigenem Land, denn Grundsteuer, die der wahre Besitzer erhebt, wurde noch nicht fällig, als Selbstversorger in einem wirtschaftlich, sozial und rechtlich abgesicherten Umfeld unter Wahrung der Tradtionen und alten Sitten. Das schlimmste was einen Menschen passieren konnte, war es, aus der Familie ausgestossen zu werden, was nur bei Sittenverstößen passierte, denn außerhalb einer Familie bzw. Sippe oder Stamm gab es kein Leben.

In Teil 2. dieser Serie geht es um den zurückliegenden Wandel der Familie.

Verschlagwortung: 

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